Berlin , Berlin

Ok, jetzt wird es autobiographisch. 1985 hatte ich einen Brieffreund, der in Ost Berlin studierte.

Für die Jüngeren unter Euch: es war damals möglich und üblich Freundschaften per Briefkontakt zu pflegen. Man schrieb also per Hand, auf Papier möglichst in leserlicher Schönschrift, durchaus mehrere Seiten über Dinge, die einen bewegten, faltete das ganze sorgsam, steckte es, manchmal mit einem Foto zusammen, in einen Umschlag, adressierte und frankierte diesen und trug ihn frohen Mutes zum nächsten Briefkasten. Und bereits eine Woche später konnte man mit Antwort rechnen. Im allgemeinen konnte man davon ausgehen, das die Briefe ungelesen beim Empfänger ankamen. Da Stephan aber in der DDR lebte, war die Chance groß, dass die Briefe von der Stasi gelesen wurden.

Im Winter 1985 ergab sich für mich die Gelegenheit, ihn zu besuchen. Anlässlich der Grünen Woche war ich das erste Mal in Berlin und für einen Tag ging ich in den Osten.

Abenteuerlich für mich schon die Anreise; per S-Bahn durch tote Geisterbahnhöfe, deren Zugänge oberirdisch oft, zugeschüttet und unzugänglich, im Todesstreifen lagen, wie hier der Zugang zum Bahnhof Potsdamer Platz.

Postsdamer Platz Grenze 1973_Uwe Friedrich

Foto von 1973:©Berliner Unterwelten e.V. / Uwe Friedrich

Dann strenge Grenzkontrolle und Zwangsumtausch; ziemlich aufregend. Und dann stadtbummeln, natürlich mit einem Besuch am Brandenburger Tor.

Dichter als bis zu diesem kleinen Mäuerchen, auf dem ich da mit Stephan sitze, kam man dem Tor als Normalbürger auch vom Osten her nicht. Dahinter begann Sperrgebiet und Grenzschutzanlagen, Wachtürme, Panzersperren, Selbstschussanlagen und Grenzsoldaten mit Schießbefehl und natürlich die Mauer. Heute kaum mehr vorstellbar, damals schaurige Realität. Das Tor, Touristenattraktion in Ost und West, von beiden Seiten nur von sehnsuchtsvollen Blicken durchdrungen.

Berlin 1985

 

Keiner hätte damals je gedacht, dass all das 1991 Geschichte ist, wir die GRENZE LOS sind und man auf dem ehemaligen Grenzstreifen Spazieren gehen kann. Auf dem Bild stehe ich in der Nähe des Zugangs U-Bahnhof. Im Hintergrund links das Brandenburger Tor und der Reichstag noch ohne Kuppel. Auf dem noch unverbauten Platz wurde einem die Grenzelosigkeit sehr bewußt und man konnte sich gut vorstellen, das  alles möglich ist.

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Britta Chr. Keller, April 2016